Kunstbild-Wortkunst

Eröffnung

Freitag, 13.03.2020 | 20 Uhr

Dauer

14.03.2020 - 07.06.2020

Gefördert durch

die Thüringer Staatskanzlei, den Fonds Soziokultur e.V.,
die Sparkasse Mittelthüringen,
die Stadt Weimar,
den Förderkreis der ACC Galerie Weimar.

KUNSTBILD : WORTKUNST

KUNSTBILD: WORTKUNST

25. Internationales Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar «100 Jahre Bauhaus – Von Wörtern und Bildern und Wortbildkunst»

Eröffnung 13.3.2020 | 19 Uhr, Ausstellung 14.3.–07.06.2020

Das Internationale Atelierprogramm von ACC und Stadt Weimar feierte 2019 sein 25-jähriges Bestehen. Drei Gastkünstlerinnen und -künstler waren für jeweils vier Monate in Weimar zu Gast, lebten und arbeiteten im Städtischen Atelierhaus zum Thema 100 Jahre Bauhaus — Von Wörtern und Bildern und Wortbildkunst. Die Ausschreibung zum Programm bezog sich anlässlich des Jubiläums Bauhaus100 auf die Grenzbereiche zwischen bildender Kunst und geschriebenen und gesprochenen Wörtern, um Wörter als Bild sowie Wörter mit Bild in neue Werke einer Wort-BildKunst zu verwandeln. Der Japaner Tsuyoshi Anzai, der Mexikaner Victor del Oral und die Deutsche Linda Pense wurden von einer Kunstfachjury aus 76 Bewerbungen (aus 31 Ländern) ausgewählt, nahmen am Programm teil und stellen nun gemeinsam in der ACC Galerie Weimar die Ergebnisse ihres Weimaraufenthalts, aber auch andere künstlerische Arbeiten aus.


Tsuyoshi Anzai interessiert, wie Wörter die Art und Weise steuern, wie wir Bilder und Objekte betrachten. Durch Unstimmigkeiten zwischen Wörtern und Bildern versucht er aufzuzeigen, wie uns die Welt erscheinen mag, wenn Menschen sich von den von ihnen selbst geschaffenen Bedeutungen befreien können. Tsuyoshi Anzais «Coccyx’ Identitätskrise»: Tsuyoshi Anzai erfand eine Reihe alltäglicher Zwecke für einen menschlichen Knochen, der keine klare Funktion zu haben scheint. Das Steißbein wird als Rudiment der Schwanzwirbel der Wirbeltiere angesehen, die sich im Laufe der menschlichen Entwicklung zurückgebildet haben.Für Menschen, die an die Evolution glauben, ist er ein Nachweis dafür, dass wir mit dem Tierreich verwandt sind, einst einen Schwanz hatten. Für Gläubige ist es das heilige Bein, das nie verwesen und den Keim der Auferstehung in sich tragen soll. Tsuyoshi schuf Reproduktionen eines Steißbeins, verpackte sie, als wären sie Waren, die in einem Supermarkt gefunden wurden und gab ihm neue Funktionen. Tsuyoshi Anzais «TBD»: Obwohl es sich bei den Motiven dieser Gemäldeserie um alltägliche Objekte handelt, ist auf den ersten Blick nicht klar, wofür diese Objekte bestimmt sind. Indem die Bilder aus den anthropozentrischen Kontexten wie ihrer Verwendung herausgenommen und Farben und Proportionen entfernt werden, ermutigen sie den Betrachter, die Objekte als reine Form zu betrachten. Tsuyoshi Anzais «Suche nach einem Porträt»: Diese Serie von Siebdrucken wurde aus Screenshots von Bildern entwickelt, die im Suchergebnis von Google-Bild angezeigt wurden. Mit Google-Bild kann nach Bildern anstelle von Schlüsselwörtern gesucht werden. Das Ergebnis waren Miniaturansichten der entsprechenden Porträts, die im Internet gefunden wurden. Tsuyoshi Anzais Arbeit «Entfernung # 001»: Unter Verwendung des Mechanismus der Camera Obscura projiziert ein kastenartiges Gerät ein bewegtes Bild einer kinetischen Skulptur, die innerhalb des Geräts durch eine Linse auf einem Bildschirm platziert wird. Anzai versucht damit, die Wahrnehmung eines Objekts irgendwo zwischen Realität und Illusion anzusetzen. Tsuyoshi Anzais Weimarer Arbeit trägt den Titel #TagLife: Es sind zunächst Collagen von Fotos, die aus dem Weimarer Stadtarchiv stammen und aus den 1930er bis 1980er Jahren stammen. Die wurden gepaart mit Firmenslogans und Slogans auf Werbeplakaten aus der Gegenwart. So erzeugt Tsuyoshi Diskrepanzen und Spannungen. In Bezug auf die Beziehung zwischen Wörtern und Bildern haben Nazizeit, Sozialismus und Kapitalismus etwas gemeinsam. Wie andere Projekte von Tsuyoshi Anzai basieren seine #TagLife-Poster auf der Herstellung von Zusammenhängen von bislang unverbundenen Dingen und Phänomenen. Mit dem Unterschied,
dass die von ihm dazu gefundenen Dinge diesmal nicht plastische Objekte, sondern Bilder und gedruckte Worte sind. Den Ausgangspunkt bildete die Faszination für historische politische Propaganda-Poster aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Staatssozialismus der DDR, die längst aus den öffentlichen Räumen verschwunden sind. An ihre Stelle getreten ist eine überaus präsente Werbeindustrie mit Reklamepostern und Anzeigen, die darauf zielen, möglichst viele menschliche Bedürfnisse wirtschaftlich zu verwerten. Im Vergleich lässt sich leicht erkennen, dass nicht nur die Verfahren und Mittel der Propaganda und der Werbung in vielerlei Hinsicht ähnlich sind, wenn Bild-Text-Poster als Displays verwendet werden, in denen Texte und Bilder mit dem Ziel maximaler psychologischer Effekte montiert werden. In seinen #TagLife-Postern führt Tsuyoshi Anzai die zusammengetragenen Bilder, Schlagzeilen und Überschriften in absurden, aber dennoch wirkungsstarken Montagen zusammen – ganz in der von Molzahn propagierten Wirkungsmechanik. Historische politische Propaganda-Bilder und aktuelle WerbeSlogans sowie zeitgenössische Werbefotografien und agitatorische Schlagzeilen aus Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus benutzt Tsuyoshi Anzai wie einzelne Maschinen bzw. Bild- und Wort-Apparaturen. Indem er sie in den #TagLife-Postern grafisch zusammenfügt – man könnte auch sagen zusammenschaltet – entwickeln sie neue, unvorhersehbare Wirkungen. Jedes von ihm verwendete Motiv, jede Schlagzeile ist ja ursprünglich als eine Art verdichtete sprachlich-visuelle Effekt-Maschine oder als Bild-Wort-Apparat entwickelt worden. In den #TagLife-Postern treffen ihre Energien nun ganz anders als ursprünglich intendiert aufeinander. Ein Schriftzug wie «Niemand begrenzt mich», der gestaltet worden ist, um damit Produkte für die individuelle kreative Betätigung zu bewerben, wirkt im Anschluss an Johannes Molzahn als «Wort-Mechane» oder Wort-Maschinismus, wenn er auf ein nationalsozialistisches Plakatmotiv trifft, dass Adolf Hitler als «Führer» zeigt. In dieser Konstellation kippen sowohl die ursprünglichen Bedeutungen des Bildes, als auch der Wortgruppe in etwas Neues und Anderes, das neue Deutungen auszulösen vermag. Die #TagLife-Poster lassen sich zwar durchaus auch als grafische Assemblagen beschreiben; im Kontext der künstlerischen Arbeitsnormen von Tsuyoshi Anzai erscheinen sie aber vor allem als eine Fortsetzung seiner maschinellen Konstruktionen, in denen er vormals kontrollierte Bedeutungen, Sinnzuschreibungen und Funktionalitäten in technischen Prozeduren mechanisch-trickreich auflöst. Um letztlich möglichst offen Assoziationen und Interpretationen frei zu setzen, ohne dass er das, was dann geschieht, selbst noch kontrollieren könnte oder wollte. (Torsten Blume) Tsuyoshi Anzais Arbeit «Irgendwo im Stadion»: Das Video spielt in einer postapokalyptischen Zukunft und folgt zwei Männern, die herumreisten und forschten. Die beiden Männer graben Alltagsgegenstände unserer Zeit aus, diskutieren, wie und wofür die Gegenstände verwendet werden, und geben jedem einen Namen. Die Installation wirft die Frage auf, ob die Dinge festgeschriebene Bedeutungen haben.


Linda Pense beschäftigt sich mit Sprache als modulierter Luft, die wie das Zaubersprechen des Luftgeistes Ariels in Shakespeares Sturm Atmosphäre und Wirklichkeit formt. Linda Pense: Zeichnungen, wie unmögliche Seekarten: pulsierende Signale, Kreise, die sich selbst zu zeichnen scheinen, Schraffuren, die wie unbemerkt in Flächen übergehen, Hintergründe, die sich in den Vordergrund schieben, Grenzen, die geschlossen und wieder durchbrochen werden, Punkte, die aus dem Dunkel blitzen, sich zu Linien dehnen und wieder verschwinden. (…) In Linda Penses Arbeiten lässt sich erahnen, was es bedeuten mag, sich die Welt nicht über das Land, sondern durch das Meer vertraut zu machen. (Niklas Hoffmann-Walbeck) 2019 und 2020 hat sich Linda Pense mit literarischen Inseln beschäftigt, um diese als «Troposphären» zwischen Meer und Land, Sprache und Bild zu verhandeln. Ihre Bilder erkunden grafisch, wie eine Form, ein Gedanke oder eine Figur sich zu bilden beginnt. (…) Die Insel, auf der William Shakespeare sein letztes Drama Der Sturm (1611) verortete, wurde für sie dabei besonders anschauliche Szenerie. (Torsten Blume) Dieser Theatertext wurde erstmals 1771 in Weimar ins Deutsche übertragenen. Dichter der Weimarer Klassik wie Goethe und Schiller hatten sich Shakespeare als Vorbild auserkoren, um ein neues bürgerliches deutsches Drama zu erfinden. Bis heute wurde Der Sturm in all seiner Sprachkunst und bildgewaltigen Metaphorik unzählige Male ins Deutsche übersetzt. I Dessen Protagonisten sind Gestrandete, die wesentlich der Luftgeist Ariel mit einer atmosphärischen Sprache, die auch das Meer zu bewegen vermag, hierher gebracht hat. Ariel kann mit seiner sprechend singenden Stimme nicht nur das Wasser, sondern alle Elemente, also auch die Luft, das Feuer und die Erde bewegen und darüber hinaus sogar das Denken der Menschen verzaubern. Seine Zaubersprache wird daher von Protagonisten des Stückes wie eine die Insel durchdringende Klangform – als eine «Insel (…) voll von Tönen» – empfunden und geschildert: «Musik? Ist sie im Boden, in der Luft? (...) / Das ist kein Lied von Sterblichen, nein, d e r Ton / Ist nicht von dieser Erde, Über mir /Hör ich ihn jetzt.» (Torsten Blume) Ariels Wesen und klingendes Sprechen sind. Linda Pense konzentrierte sich auf Ariels von den Klängen der Naturelemente kaum zu unterscheidende Zaubersprache, um die besondere Art seines Sprechens grafisch abzubilden. Ihre Aufzeichnungen von Ariels luftig-strömendem Zaubersprech laden ein, unsere Sprache als etwas Neues zu entdecken, das sie immer auch ist: tönende, modulierte Luft, die mit sinnlichen Phänomenen zusammenfällt.


Victor del Oral arbeitet mit der Qual des Schreibens und seinen konventionellen Formaten und untersucht Identität als ständige Verhandlung zwischen Sprache und Landschaft, indem er bewohnbare und einsetzbare Texte konstruiert. Er greift die Texturen von Nietzsches Schweigen in seinen letzten Jahren in Weimar auf und verwandelt sie in eine Choreografie von Masken, die sein Denken in unserer Gegenwart sowohl enthüllt als auch verdunkelt. Kunst ist für ihn eine andere Art, Philosophie zu machen – in der Welt zu sein und im Wort zu sein.

The mustache becomes the curtain of that theater of words and images: the mouth. That curtain is closed.


«Besser nicht zu sprechen» ist eine Lecto-Skulptur, eine Installation und eine Performance, die den Körper und den Akt des Schreibens als grundlegende Teile ihrer Struktur integriert, eine Inszenierung von Phonemen, von Licht und Schatten, die den Text in seiner grafischen, skulpturalen und Schalldimension untersucht. Dieses ortsspezifische Werk greift die Texturen von Nietzsches Schweigen während seiner letzten Jahre in Weimar auf und verwandelt es in eine Choreografie von Masken, die sein Denken im gegenwärtigen Moment sowohl enthüllt als auch verdunkelt. Über das, was nicht gesprochen/gesagt/ausgesprochen werden kann, ist es besser, nicht zu sprechen. Die Möglichkeit der Unmöglichkeit zu sprechen ... Was ist Stille, wenn die Welt nicht aufhören kann zu sprechen? Die letzten Jahre des Philologen Nietzsche und seine Unfähigkeit zu sprechen sind ebenfalls Teil seines philosophischen Denkens. Warum könnte ein Mensch aufhören zu sprechen? Aus eigenem Willen? Weil sein Schnurrbart zu lang ist? Weil Wörter ihr Ablaufdatum überschritten haben? Weil an die Sprache der Kultur, in der man lebt, nicht kennt? Geisteskrankheit? Faulheit? Ressentiments der Gesellschaft? Traurigkeit? Eine politische Aussage? Ein Missverständnis? un compromiso con la belleza?
Die Arbeit von Victor Del Oral untersucht Identität als ständige Verhandlung / Spannung zwischen Sprache und Landschaft. Ausgehend von diesem Prinzip konstruiert er LectoSkulpturen, lebende Skulpturen und Inszenierungen, die das Wort und den Körper integrieren, und untersucht Text in seinen grafischen, skulpturalen und klanglichen Dimensionen. Während seines Aufenthalts in Weimar hat Victor del Oral das klassische Erbe der Stadt und ihrer Texte als Choreografie verstanden, als eine Abfolge von Bewegungen des Textkörpers in einem historisch abgegrenzten Raum: der materielle Akt des Schreibens Jenseits von Gut und Böse, die Zusammensetzung/Komposition einer gescheiterten Verfassung, die sich durch Panikattacken bewegt, Goethe, die Dämonen, die in der Einsamkeit leben, der historische Friedhof und der Tod von Nietzsche und die Text/ur der Architektur, die vom Bauhaus nicht verwirklicht wurde. Er nähert sich den Klischees dieses Erbes als/mittels populärer Refrains, als Geister, die auseinandergenommen, übernommen oder zerstört werden müssen. Schreiben heißt, durch die Klischees der Geschichte zu gehen und ständig in Schlaglöcher zu fallen. Victor del Oral untersuchte mit der Entwicklung von Lecto-Sculptures — komplexen und «lebenden» Installationen — das Medium Text in performativen Zusammenhängen. Im Spiel von Texturen, Buchstaben und typografischen Elementen bringt er Sprache und Welt, Sprache und Denken in einen dynamischen Verhandlungsprozess, der mit dem Bauhaus-Erbe ins «Gespräch» tritt. Zwischen Visuellem und Sprachlichem oszillieren seine grafischen, skulpturalen und choreografischen Methoden und bringen Verschiebungen und Affizierungen in Gang: Architekturen werden zu Worten, Poetik zu Objekten, Texte zu Landschaften — all das inszeniert sich in hybriden Gefügen. I Worte können denjenigen verängstigen, der von ihnen lebt und sich an ihren Rhythmen betrinkt, sich über ihre Synästhesien und anderen Klänge lustig macht - bis hin zur Glossolalie, dem unverständlichen Sprechen. Wie in Weimar, wenn del (M)Oral Rivera in einem der immensen Räume des Gebäudes, das Hitler Nietzsche widmen wollte, lange Papierbahnen auf dem Boden ausrollt oder an den Wänden aufhängt. An diesem Freitag, dem 11. Oktober 2019, schlüpft der Künstler in der Aktion «Better not to speak» in die Rolle des berühmten Philosophen, den er röcheln und durchdringende Schreie ausstoßen lässt. Der Künstler äfft die Haltung nach, die Nietzsche am Ende seines Lebens in Weimar gehabt haben könnte, nachdem er sich entschieden hatte, nicht mehr zu sprechen – und diese Weigerung verdeutlichte, indem er einen so langen Schnurrbart trug, dass dieser seinen Mund komplett verdeckte: die Lippen für immer hinter zugezogenen Vorhängen verschlossen. (Michel Blancsubé)

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Die Eröffnung der Ausstellung mussten wir aufgrund der am 13.3. erlassenenen Allgemeinverfügung der Stadt Weimar im Zusammenhang mit Covid-19 und dem damit einhergehenden Veranstaltungsverbot für Publikum absagen, jedoch konnten wir über unsere Social-Media-Kanäle Facebook und Instagram Live-Streams anbieten. Der Live-Stream über Facebook ist unter diesem Link dauerhaft abrufbar. Ein ca. 40-Minütiger Rundgang mit Linda Pense, Tsuyoshi Anzai, Victor del Oral und Frank Motz gibt einen ersten Eindruck von der Ausstellung. 

https://www.facebook.com/accgalerie/videos/135842474520583/

Unser neu herausgebrachtes Journal:

Die Ausstellung geht, die Publikation kommt: Ein Wort sagt mehr als 1.000 Bilder

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